Mit einem gemeinsamen Gottesdienst startete unsere Schulgemeinschaft in das neue Schuljahr. Unter dem Leitgedanken „Neuanfang, Übergänge, Abschied“ standen dabei Erfahrungen im Mittelpunkt, die viele unserer Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden gerade selbst machen.

Verfasst wurden die Textbeiträge von Studierenden der PiaM1 und der PiaM3.

 

Für die einen haben gerade die ersten Wochen an einer neuen Schule begonnen, andere setzen einen bereits eingeschlagenen Weg fort und für einige steht in diesem Schuljahr schon der Abschied vom St. Ursula-Berufskolleg bevor. Diese unterschiedlichen Situationen griff der Gottesdienst zum Schuljahresbeginn am 8. September auf.

Dabei wurde auch eine der bekanntesten Geschichten der Bibel auf den Schul- und Ausbildungsalltag übertragen: die Geschichte von Noah und seiner Arche. Denn eine Arche voller unterschiedlicher Tiere lässt durchaus Parallelen zum pädagogischen Alltag erkennen: verschiedene Persönlichkeiten und Bedürfnisse, Lautstärke und Chaos, Organisation und Improvisation – und mittendrin die Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen und auch dann weiterzumachen, wenn nicht alles nach Plan läuft.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes standen die Gedanken unserer Studierenden. Mehrere Texte waren in den Pia-Klassen von Studierenden selbst verfasst worden. Sie beschäftigten sich mit der Frage, was Menschen brauchen, wenn etwas Neues beginnt, wenn ein Weg schwierig wird oder wenn es darum geht, füreinander da zu sein.

Wir möchten einige dieser Texte hier bewusst im Original wiedergeben.

Die Arche Noah – die erste pädagogische Großgruppe?

Dass biblische Geschichten durchaus etwas mit dem Alltag an einem Berufskolleg für Gesundheit und Soziales zu tun haben können, zeigte ein Beitrag aus der PiAM1, verfasst von Frau Gielißen-Buchmann, Frau Stockbroekx und Frau Daidezka:

Stellt euch vor: Kein WLAN. Keine App. Kein Gruppenchat.
Nur ein Mann namens Noah – und plötzlich bekommt er den Auftrag seines Lebens:
„Bau ein riesiges Schiff. Und nimm von jeder Tierart welche mit.“
Noah hätte auch sagen können: „Das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung.“
Oder:
„Dafür brauche ich erst einen Antrag und drei Teamsitzungen.“
Aber nein – er legt los.
Und wenn man ehrlich ist: Die Arche war eigentlich die erste große pädagogische Einrichtung.
Da waren unterschiedliche Persönlichkeiten, verschiedene Bedürfnisse, Streit um Plätze, Lautstärke, Chaos, Hunger, Gerüche …
… und trotzdem musste alles irgendwie funktionieren.
Kommt uns bekannt vor, oder?
Ob Kinderpflege, Erzieherausbildung, AHR, FOS, BFS oder PiA: Ausbildung bedeutet oft, zwischen Organisation und Improvisation zu leben.
Man plant etwas …
und plötzlich weint jemand.
Oder keiner hört zu.
Oder alles läuft anders als gedacht.
Noah zeigt: Nicht alles muss perfekt sein.
Er hatte keinen fertigen Ablaufplan. Keine PowerPoint. Keine pädagogische Handreichung.
Aber er hatte: Geduld. Vertrauen. Durchhaltevermögen. Und Verantwortung.
Und vielleicht steckt genau darin die Botschaft für unsere Ausbildung:
Wir können nicht jede Situation kontrollieren. Wir können nicht jeden Sturm verhindern. Aber wir können Menschen begleiten.
Manchmal bedeutet Pädagogik: Ruhe bewahren, wenn alle durcheinander sind. Grenzen setzen. Platz schaffen. Und darauf vertrauen, dass nach jedem Regen wieder ein Regenbogen kommt.
Und ganz ehrlich:
Wenn Noah es geschafft hat, wochenlang mit allen Tieren auf engem Raum zu leben …
… dann schaffen wir auch Gruppenarbeit, Praxisbesuche und Prüfungsphasen.

„Durchhalten bedeutet, wieder aufzustehen“

Nachdenklicher wurde es in einem Beitrag aus der PiAM3, verfasst von Herrn Ghafori. Ausgehend von Matthäus und Paulus ging es um die Erfahrung, dass ein Neuanfang nicht bedeutet, dass anschließend alles einfach wird:

Das sind drei Dinge, die fast jeder Mensch in seinem Leben erlebt. Vielleicht hast du das schon hinter dir oder vielleicht erlebst du es gerade jetzt.

Ein Neuanfang bedeutet oft Unsicherheit. Man verlässt etwas Altes, ohne genau zu wissen, was danach kommt. Man macht Fehler, trägt Dinge aus der Vergangenheit mit sich herum oder fragt sich, ob man überhaupt gut genug ist.

“Was ist, wenn es noch schlimmer wird als vorher? Was ist, wenn ich einfach nicht gut genug bin, um den Weg einzuschlagen, der mir angeblich Freude bereiten soll? Was ist, wenn ich kein Glück verdient habe?”

Genau diese Fragen stellten sich sicherlich auch die Apostel.

Nehmen wir mal Matthäus als Beispiel. Matthäus war kein Priester, er war kein Schriftsteller, kein Soldat und auch kein Arzt. Matthäus war Zöllner. Ein jüdischer Zöllner im Römischen Reich, der seinem eigenen Volk das Geld aus der Tasche zieht. Das muss man sich mal vorstellen. Natürlich haben ihn die Leute gehasst. Wahrscheinlich auch bespuckt und als Verräter oder Betrüger beschimpft. Das war Jesus aber egal. Er rief
Matthäus zu sich, weil Er Matthäus bei Sich haben wollte.

Anderes Beispiel. Paulus ging sogar noch viel weiter. Er sah das Christentum als Blasphemie, als Gotteslästerung, und wollte die junge Kirche zerstören bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatte zu gedeihen. Er verfolgte die ersten Christen, ließ sie verhaften und war sogar mit deren Tötung einverstanden. Aber, wie viele von euch wissen, geschah ihm etwas Unvorstellbares auf dem Weg nach Damaskus. Jesus rief auch ihn zu sich, selbst nach Seiner Zeit auf der Erde.

Matthäus und Paulus. Diese beiden Männer zeigen uns etwas Wichtiges. Ein Mensch ist nicht für immer an seine Vergangenheit gebunden. Christus gab beiden die Möglichkeit für einen Neuanfang. Nicht, weil sie so tolle Typen waren, sondern weil sie bereit waren, ihr Leben zu verändern.

Vielleicht kennen wir dieses Gefühl ebenfalls. Möglicherweise gibt es Momente, in denen wir denken, dass wir nicht gut genug sind oder dass wir falsch abgebogen sind.

Aber die Geschichte der Apostel zeigt: Ein Neuanfang ist möglich und in jedem Neuanfang steckt auch Hoffnung.

Aber ein Neuanfang allein reicht meist nicht aus. Danach kommt oft der schwierigste Teil: das Durchhalten und Weitermachen.

Nach der Kreuzigung unseres Herrn wurde das Leben der Apostel nicht wirklich leichter. Sie wurden verfolgt, verspottet, eingesperrt und viele von ihnen starben als Märtyrer, unter anderem auch Matthäus und Paulus. Fast alle hätten die Möglichkeit gehabt, einfach Christus zu verleugnen. Das taten sie aber nicht.

Das muss man sich mal vorstellen. Paulus, jemand, der Christen gehasst hat und sie ins Gefängnis gebracht hatte, gab am Ende sein eigenes Leben, weil er der festen Überzeugung war, dass Jesus Christus der Sohn Gottes sei. Da soll mir mal einer sagen, Menschen können sich nicht ändern.

Egal wie schwer es für sie wurde, die Apostel machten weiter. Nicht, weil sie keinen anderen Weg kannten, sondern weil sie den richtigen Weg kannten.

Auch wir erleben manchmal Phasen, in denen wir einfach nur weitermachen müssen. In der Ausbildung, im Studium, im Beruf oder privat. Oft zweifelt man an sich selbst. So geht es vielen von uns. Manchmal fühlt sich alles einfach nach viel zu viel an, und manchmal sieht man nicht einmal mehr das Ziel.

Ob man nun in ein anderes Land kommt und an Heimweh leidet oder mit einer lebenseinschränkenden Sucht zu kämpfen hat oder bei einem geliebten Menschen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird oder selbst wenn der Lieblingsverein absteigt (An dieser Stelle mein herzliches Beileid an alle Fortuna-Fans). Die Geschichten der Apostel zeigen uns jedoch, dass Durchhalten nicht bedeutet,
niemals zu fallen.

Durchhalten bedeutet, trotz Angst, Zweifel und Rückschlägen immer weiterzumachen. Es bedeutet, wieder aufzustehen, auch wenn der Weg schwer ist. Selbst wenn es anstrengend ist, aufzustehen. Selbst wenn man das Gefühl hat, dass der Weg bis zum Ziel viel zu lang ist.

Denn dann kommt nach dem ganzen Durchhalten und Weitermachen irgendwann auch der Abschluss.

Die Apostel selbst konnten wahrscheinlich nie ahnen, was aus ihrem Durchhalten irgendwann mal entstehen würde.

Die Apostel waren eine kleine Gruppe verfolgter Menschen in einer vergleichsweise winzigen Provinz im Römischen Reich. Dennoch kennt 2000 Jahre später fast jeder ihre Namen. Das Christentum wurde zur größten Religion auf der Welt. Obwohl viele versucht haben, es auszulöschen, und selbst heutzutage viele immer noch versuchen, es auszulöschen, besteht es bis heute weiter. Das Durchhalten und Weitermachen der Apostel hatte Folgen, die größer waren, als sie selbst jemals sehen durften.

Vielleicht gilt das auch für uns. Möglicherweise sehen wir heute noch nicht, warum bestimmte Kämpfe wichtig sind und es kann durchaus sein, dass wir manche Wege erst später verstehen.

Aber Neuanfang, Durchhalten und Abschluss gehören zusammen.

Warum erzähle ich euch das alles?

Viele Menschen denken sich oftmals, dass ihre Anstrengung nichts nützt.
“Ich bin zu schwach.”, “Ich bin zu dumm.”, “Ich bin kein guter Mensch.”

Diese Gedanken kommen einigen von euch möglicherweise bekannt vor. Es sind keine schönen Gedanken.

Wisst ihr noch, als ich am Anfang über Matthäus gesprochen habe? Der Zöllner, den alle gehasst haben? Von dem niemand jemals etwas Großes erwartet hatte?

Die Jünger von Jesus wurden tatsächlich einst gefragt: “Warum verbringt euer Rabbi seine Zeit mit Zöllnern und Sündern und nicht etwa mit den Schriftgelehrten im Tempel?” Daraufhin sprach Jesus selbst: “Es brauchen nicht die Gesunden den Arzt, es brauchen ihn die Kranken.”

Was meinte er damit?

“Ich bin nicht gekommen, um denjenigen zu helfen, die sowieso schon gut genug sind. Ich bin gekommen, um denen zu helfen, die Meine Hilfe brauchen.”

Also. Was zeigen uns diese Geschichten?

Die Geschichten der Apostel zeigen uns, Matthäus und Paulus zeigen uns:
Man kann neu anfangen.
Man kann trotz Schwierigkeiten weitermachen.
Man kann darauf hoffen, dass aus diesem schwierigen Weg etwas Gutes entsteht.
Und manchmal entsteht sogar etwas daraus, das größer ist als man selbst.

Dementsprechend wünsche ich euch allen Mut für jeden Neuanfang, Kraft zum Durchhalten und Gottes Segen für alles, was am Ende daraus entsteht.

„Gute Gedanken. Gute Worte. Gute Taten.“

Einen besonders persönlichen Akzent setzte zum Abschluss ein Text über Menschlichkeit, verfasst von Frau Tejareh:

Manchmal denken wir, dass große Dinge die Welt verändern.

Große Worte.
Große Entscheidungen.
Große Menschen.

Aber in den letzten Monaten habe ich etwas anderes gelernt.

Ich lebe weit weg von meiner Familie.

Eine Mutter, die Angst hatte. Ein Vater, der versuchte, stark zu bleiben, in der Hoffnung, seine Kinder eines Tages wiederzusehen. Ein Bruder, der kaum angekommen war und schon Heimweh, Angst und Unruhe in sich trug.

Es gab viele Nächte ohne Schlaf. Viele Tage, an denen selbst kleine Dinge zu schwer wurden.

Und trotzdem musste ich morgens in die Schule oder zur Arbeit gehen, obwohl mein Herz schwer war.

In dieser Zeit habe ich verstanden:

Menschlichkeit zeigt sich oft in kleinen Dingen.

Ein blauer Schal um meine Schultern, damit ich für einen Tag etwas Wärme und positive Energie bei mir trage.

Ein leises: „Geht es dir heute gut?“

Und die ehrlichen Worte: „Wenn du reden möchtest – ich bin da.“

Eine stille Umarmung, ohne viele Worte, aber voller Mitgefühl.

Ein kleines Stück Schokolade, damit ein bitterer Tag für einen Moment etwas süßer wird.

Ein Anruf. Eine Nachricht. Ein freundliches Wort.

Unsere Nachbarn sind selbst krank. Und trotzdem haben sie ihre Tür für uns geöffnet. Sie sagten: „Wenn ihr nicht alleine sein wollt, könnt ihr zu uns kommen.“

Wir saßen zusammen, tranken Tee und schauten gemeinsam Nachrichten. Sie verstanden unsere Sprache nicht.

Aber in diesem Moment war Sprache nicht das Wichtigste.

Wichtiger war:

Wir waren nicht mehr allein.

Für mich war das eine Brücke aus Menschlichkeit.

Ich bin nicht religiös. Aber ich bin mit einem alten Gedanken aus der zoroastrischen Tradition aufgewachsen:

Gute Gedanken.
Gute Worte.
Gute Taten.

Heute glaube ich:

Vielleicht verändert nicht immer das Große die Welt.

Vielleicht sind es die kleinen Dinge.

Ein offenes Ohr.
Eine offene Tür.
Ein Mensch, der bleibt.

Und vielleicht beginnt Hoffnung manchmal mit einem einzigen guten Gedanken.

Der Gottesdienst machte damit deutlich, wie unterschiedlich Glauben, Hoffnung und Menschlichkeit zur Sprache kommen können. Gerade die persönlichen Beiträge unserer Studierenden gaben dem gemeinsamen Start in das neue Schuljahr eine besondere Perspektive.

Mit dem Schlusslied „Aufstehn, aufeinander zugehn“ endete der Gottesdienst – und mit einem Gedanken, der vielleicht auch über diesen Vormittag hinaus trägt: Wir können nicht wissen, was uns auf unserem Weg begegnet. Aber wir können einander dabei begleiten.

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